Irene Kupsch, Café Filsbach, 19.3.2010

“Wilde Vögel Fliegen” - das Motto der heutigen Veranstaltung wird den Bildern von Irene Kupsch nur zum Teil gerecht, denn neben dem Wilden, ungezügelten steht hier die Planung und die disziplinierte Verarbeitung des Stoffes in dynamische Formen mindestens gleichwertig im Vordergrund. Obwohl Irene Kupschs Bilder also sehr spontan wirken, entstehen sie selten in einem Wurf, sondern werden immer wieder überarbeitet und verwandeln sich. Zwischen beiden Polen - der Spontaneität auf der einen Seite und der rationalen Architektur des Bildes sucht Irene Kupsch ein dynamisches Gleichgewicht herzustellen, das manchmal in die eine, manchmal in die andere Richtung tendiert. Obwohl sie ein Fernstudium im Bereich der Werbegraphik absolviert hat, versteht sie sich nicht als Berufskünstlerin, sondern als ambitionierte Freizeitmalerin, die Malerei unkommerziell, dafür aber mit umso mehr Leidenschaft verfolgt. Sie kann es sich deshalb leisten, ihren Neigungen nachzugehen und Bilder zu malen, die ihr aus der Seele kommen. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hat sie Sammler und Käufer. Was treibt Künstler - diese Bezeichnung scheint mir trotz dieser eben gemachten Einschränkung völlig korrekt - wie Irene Kupsch zum Malen? Letztendlich ist es die persönliche Berührtheit von der Möglichkeit durch die bildende Kunst Gedanken zu visualisieren und sich in diesen Visualisierungsprozess mit ganzer Persönlichkeit einzubringen. Das Wilde - in die Sprache der Malerei übersetzt, das Spontane, steht am Anfang ihrer Malerei. Das fertige Bild ergibt sich dann durch weitere Arbeitsschritte. Meistens beginnen Irene Kupschs Bilder mit einer Geschichte, will sagen einem Ereignis, durch das sie berührt und angesprochen wird. Aus dieser Berührung ergibt sich ein Thema. Dieses Thema wird dann im Laufe des Malprozesses, nach den Möglichkeiten, von denen oben bereits gesprochen wurde, immer wieder variiert und umgearbeitet. Diese unterschiedliche Phasen, die zeitlich weit entfernt voneinander liegen können, bleiben an den Bildern von Irene Kupsch sichtbar und für den Betrachter auch nachvollziehbar. Die unterschiedlichen Phasen, die dem ersten Schritt folgen, sind dabei kein Neubeginn im eigentlichen Sinn, sondern entstehen wie ein kommunikativer Prozess zwischen dem, was auf der Malfläche bereits vorhanden ist und dem was in der Zwischenzeit an neuen Inspirationen dazu kam. Sie werden sicher schon bemerkt haben, dass unsere kleine Ausstellung hier ganz unterschiedliche Arbeiten zeigt. Das Werk der Künstlerin ist nicht von einem Guss und dies ist auch nicht beabsichtigt. Dass das so ist, macht es einem Laudator nicht gerade leicht. Man erkennt allerdings Bildformen, die sich wie ein roter Faden durch ihr Werk ziehen. Das sind jene Bilder mit den starken, kalligraphisch anmuteten Schraffuren. Hier lösen sich die Flächen geradezu in den Duktus auf, der durch die bisweilen lesbare, hauptsächlich aber nur erahnbare Schriftbedeutung vorgegeben wird. Kenntlich bleiben die Umrisslinie dennoch - weibliche Umrisslinien, grob hingehauene Frauenakte, wie wir sie von den Expressionisten her kennen. Der Expressionismus stand am Anfang der malerischen Entwicklung von Irene Kupsch und ist ihr bis heute Vorbild geblieben. Im Besonderen waren dies die Maler der Dresdner Künstlergruppe Brücke allen voran Ernst Ludwig Kirchner. Dies ist eine Malerei, die auf den ersten Blick sehr holzschnitthaft wirkt. Mit grobem Strich werden hier die Sujets erfasst, aber gerade durch diese in einem positiven Sinne zu bewertende “primitive” Art mit Emotion und Spannung aufgeladen. Ähnliches verfolgt Irene Kupsch hier. Sie huldigt hier nicht einer oberflächlichen Schönheit, sondern lässt uns starke Gefühle in ihren Bildern spüren, die aus dem Unterbewussten kommen.

Helga Grimme, Galerie Form-Stein, Mannheim, 5.2.2010


Kunst in Ausstellungen wird zunächst als Gesamteindruck wahrgenommen. So ist es auch hier. Wir sehen Farben, spüren Rhythmen und Strukturen. Die einzelnen Aspekte- jene Elemente, aus denen sich dieser Gesamteindruck zusammensetzt - dringen dabei erst nach und nach in unser Bewusstsein. Wir sollten uns also Zeit nehmen, vor den Bildern verweilen und gegebenfalls nach einer Weile noch einmal zu ihnen zurückkehren. Man kann Helga Grimmes Arbeiten ja auch unter bestimmten Bedingungen zu sich nach Hause holen, ein besonders Privileg, das Ihnen, meine Damen und Herren, hier in der Galerie Form Stein heute gewährt wird..

Beim genaueren Schauen, das mehr bedeutet als der oberflächliche Vernissagenblick, isolieren wir die einzelnen Teilaspekte des Eindrucks, nehmen die Vielschichtigkeit und die Individualität der einzelnen Arbeiten der Künstlerin wahr. Wir werden dabei auch die Erfahrung machen, dass sich die Wahrnehmung eines künstlerischen Werkes verändert, je öfter und intensiver wir es betrachten. Je komplexer eine solche Arbeit erscheint, und dies ist bei allen hier ausgestellten Arbeiten der Fall, desto ambivalenter wird unser Zugang dazu sein, d.h. bei jedem neuen Schauen werden wir das jeweilige Werk uns auf eine andere Art und Weise erschließen.
Dies ist bei Fotografien in der Regel nicht selbstverständlich. Man kann also die hier gezeigten Arbeiten deshalb nicht als Fotografien im herkömmlichen Sinn verstehen, denn beim Fotografieren besteht die Gefahr des Erstarrens . Fotos werden aufgenommen, die Szene wird gewissermaßen aus dem Strom der Zeit herausgelöst und somit ihrer lebendigen Wirkung beraubt.
Genau dieses Herauslösen vermeidet Helga Grimme durch die besondere Technik der Foto-Malerei. Durch Überblendungen und andere Formen, die ihr die Apparatur - zunächst die Rollfilmkamera, dann die Digitalkamera, ermöglicht, verfremdet sie die Bildwirkung und löst die starre Bildform auf. Unterschiedliche Aufnahmen durchdringen sich, fließen ineinander über und suggerieren so Dynamik.
Die Fotografie nähert sich auf diese Weise dem Film und somit der anderen Seite in Helga Grimmes Leben, durch die sie den meisten von uns sehr bekannt ist.
Helga Grimme - wem müsste ich es sagen - kommt von der Schauspielerkunst. Sie wirkte in Filmen mit: 2001 “Es ist Zeit” von Erika Schamoni und 2002 in “Wenn der Richtige kommt”von Stephan Hillebrandt und Oliver Paulus. Sogar in einer Folge der Kultkrimiserie “Tatort” war sie zu sehen.
In erster Linie aber ist Helga Grimme eine große Theaterschauspielerin. Am Mannheimer Nationaltheater spielte sie Charakterrollen wie die Krusche Vachnadze in Bertold Brechts “Kaukasischem Kreisekreis” Sie hatte Hauptrollen in Botho Strauss Dramen, die damals dem Mannheimer Schauspiel sein besonders Gepräge gaben.
Im Jahr 1990 wechselte Helga Grimme vom Mannheimer Nationaltheater ans Staatstheater Stuttgart. Dort, unter der Intendanz von Friedrich Schirmer, arbeitete sie vorwiegend mit dem Regisseur Elmar Goerden zusammen. In Stuttgart brillierte sie im “Jüngsten Tag” von Ödin von Horváth und in “Blunt oder Der Gast” von Karl Philipp Moritz sowie als Königin Elisabeth in Friedrich Schillers Drama “Maria Stuart”.
In München, am Residenztheater, an das sie Jahre zuvor Ingmar Bergmann vergeblich hatte berufen wollen, beendete sie ihre berufliche Laufbahn auf der Theaterbühne.
Aber weil ein Künstler immer ein Künstler bleibt und das Potenzial, das ihm von Geburt an verliehen ist, immer nach Gestaltung drängt, verlagerte sich Helga Grimmes Schaffenskraft zunehmend auf das bildnerische Gestalten. Sie begann zunächst als Malerin und kam vom Pinsel und Farbe direkt zur Foto-Malerei.

Zu ihren Bildern

Helga Grimmes Arbeiten bilden nicht im herkömmlichen Sinne ab, sondern sie erschaffen einen neuen Zugang zur Wirklichkeit. Sie inszenieren, wobei hier der Raum im Fokus ist. Die Figuren und Gegegenstände bilden hier Elemente, die dem Gesamten untergeordnet sind.
Die Portraits, die sie oben auf der Emporen sehen, stellen in diesem Zusammenhang allerdings eine Ausnahme dar. Hier scheint die Kamera den Portraitierten zu durchdringen und ihm in einer Art, die nicht unähnlich der des barocken Meisters Archimboldo ist, mit neuen Materialien zu rekonstruieren.
Auf diese Art und Weise wird deutlich, dass hier die Autonomie der Kunst dem Naturbild gegenüber im Vordergrund steht. Man erkennt Orte, bzw. kann erahnen, in welcher Gegend die Fotografie entstanden ist. Diese Orte werden jedoch durch Spiegelungseffekte in ihrer Raum-Zeit-Struktur aufgelöst und neu zusammengesetzt. Es entstehen Zwischenräume, die den Betrachterblick magisch anziehen. Besonders deutlich wir dies bei einem Zyklus auf der oberen Ebene der Galerie, im Bild mit der Nummer 13 und dem Titel “Gen Hades”, womit natürlich die griechische Unterwelt gemeint ist, auf die Charon mit seinem Boot zusteuert.
Im Vordergrund von Helga Grimmes Fotomalerei steht also die tiefen gedanklichen Verbindungen von Wesen und Erscheinung. Der dokumentarische Charakter ist dabei völlig nebensächlich. Die sichtbare Welt wird dem Künstler zum Rohstoff. Gräser und Halme werden wie kalligraphische Mittel, wie temperamentvolle Striche, eingesetzt und laden so das Bild mit zeichenhafter Energie auf.

Gestatten sie mir angesichts dieser Ausstellung der neuen Arbeiten Helga Grimmes einen kurzen Hinweis auf den Unterschied und die Gemeinsamkeiten von Malerei und Fotografie Schon allein der Titel “Foto-Malerei” provoziert diesen Vergleich, weil hier zwei Medien angesprochen sind, die in der Kunstgeschichte der Moderne auf eine ganz besondere Art und Weise miteinander verflochten sind.
Mit dem Aufkommen der Fotografie, Mitte des 19. Jahrhunderts, revolutionierte sich die Aufgabenstellung der Malerei radikal. War bisher die Abbildfunktion ein wesentliches Merkmal, sind es jetzt tiefere Schichten der Bildwirklichkeit, denn die reine Abbildfunktion wird von der Fotokamera effektiver und auch kostengünstiger übernommen. Für die Maler stellt sich damit die Aufgabe, eine Malerei zu kultivieren, die Schichten des Bewusstseins hinter oder über der oberflächlichen Erscheinungsebene offenlegt. Helga Grimme vollzieht jenen Prozess auf ihre Weise mit den Möglichkeiten der Fotografie nach, indem sie die Abbildfunktion der Fotografie zu überwinden trachtet.
Jeder Zyklus ihres Werkes wird mehr noch als durch das Thema von einem bestimmten farblichen Timbre bestimmt. Moosige Grüntöne bei der japanischen Reise, lassen den Betrachter in ein geheimnisvolles Universum eintauchen, in dem der Rhythmus der Regenschirme ebenso wichtig ist wie die Massivität der Buddha-Statue, vor dem der sich die Touristen respektlos drängeln.
Auf der Empore dieses schönen Gebäudes der Galerie Form-Stein begegnet uns ein Zyklus mit warmen, winterlichen Grauabstufungen. Auf dem Weg dorthin können Sie in ein Universum südländischer Nuancen eintauchen, welche uns den Duft des Meeres geradezu physisch erspüren lassen.
Bei Helga Grimmes Werken sind Farbe und Empfinden nahe zusammengerückt.
Wenn wir den heutigen Werkkomplex mit den früher, vielleicht vor zehn Jahren entstandenen Werken vergleichen, so werden wir einen scheinbaren Bruch wahrnehmen. Aber dieser Bruch ist kein inhaltlicher Bruch, sondern ergibt sich aus den technischen Möglichkeiten gegenüber der Malerei. Sie hat teils bewusst suchend teils spielerisch Möglichkeiten gefunden, die es so vor 10 Jahren so noch nicht gegeben hat, weil zwischenzeitlich ein Druckverfahren entstanden ist, das auf authentische und beständigen Farben basiert.

Alfred Hrdlicka, Mannlichhaus Zweibrücken, 18.10.2009

Alfred Hrdlicka erblickte am 27. Februar 1928 in Wien das Licht der Welt. Sein Vater war als engagierter Kommunist rasch ins Blickfeld der Nazis geraten und schließlich zur Zwangsarbeit in einem Strafbataillon verurteilt worden. Er selbst entzog sich 1944 dem Kriegsdienst und ging in den Untergrund.
Unmittelbar nach dem Krieg begann Hrdlicka ein Studium der Malerei bei Albert Paris Gütersloh - dem Stammvater der Wiener Phantasten, deren bedeutendste Protagonisten Arik Brauer, Ernst Fuchs und Rudolf Hausner als Maler Weltruhm erlangten.
Mehr noch als die Malerei reizte Hrdlicka aber die Bildhauerei. Deshalb hängte er an das Studium der Malerei 1953 ein Bildhauerstudium an. Sein Lehrer - Fritz Wotruba - löste die Figuration im Laufe seiner Entwicklung immer weiter zugunsten kubischer Formen auf. Nicht die Abstraktion, sondern das Bekenntnis zu wuchtigen kubischen Formen wies Richtung, auf der sich dessen künstlerisches Werk, sowohl das malerischen als auch das bildhauerische entwickeln werden würden.
Den internationalen Durchbruch erlebte Hrdlicka 1964 - er wurde zusammen mit Herbert Boeckl zur Biennale nach Venedig eingeladen. Einladungen zur “documenta” in Kassel und anderen Internationalen Kunstereignissen von großer Bedeutung schlossen sich unmittelbar an und sorgten dafür, dass Hrdlickas Name international bekannt wurde. 1971 erfolgten erste akademische Berufungen nach Stuttgart, Hamburg und schließlich nach Wien.
Ausstellungen aufzuzählen, an denen Hrdlicka teilgenommen hat, würden den Zeitrahmen, der mir zur Verfügung steht, sprengen und ist auch überflüssig, Sie können das überall nachlesen. Viel wesentlicher als das ist der Blick auf den Paradigmenwechsel, der sich in Hrdlickas Werk seit Mitte der 60er Jahre vollzog:
Er erlebt in einer Anstalt für psychisch kranke Menschen. Was Wahn, Leid und Schmerz im menschlichen Leben bedeutet. In diesem Dreieck bewegt sich fortan das Schaffen des Künstlers, der den Menschen als Leidenden an seiner Zeit begreift und auch politischer Prozesse zunehmend aus dem Blickwinkel des an seiner Zeit zerbrechenden Menschen sieht und darstellt.


Alfred Hrdlicka ist ein Mann der Extreme, der gerne polarisiert, provoziert, den commune sense und die politicale correctness in Frage stellt.
Darüber hinaus verkörpert Alfred Hrdlicka etwas von dem Wiener Arbeitermilieu, in das er 1928 hineingeboren wurde. Die Prägung vom Charme der Kaffeehäuser, in denen tagelange Schachpartien zelebriert und stundenlagen Diskussionen über Kunst, Kultur und natürlich Politik geführt werden. Alfred Hrdlicka ist ein bekennender Marxist und manchmal scheint es so, als sei er gerade kein Astromarxist, also keiner von der charmanten Sorte.

Dass Alfred Hrdlicka als einer der herausragendsten Bildhauer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, ist unbestritten. Grass spalten sich die Meinungen allerdings, wenn es um die Einschätzung von Hrdlickas graphischem, bzw. zeichnerischem Werk geht. Vor anderthalb Jahren musste die im Wiener Dom ausgestellte Abendmahlszene entfernt werden, weil sie als blasphemisch gebranntmarkt worden war. Die österreichische Kirche wollte, kaum war der Skandal von Sankt Pölten wieder unter den Teppich gekehrt, ihrem Ruf als moralischer Instanz gerecht werden und gab der Empörung über Hrdlickas Exzessdarstellung nach.

Wir haben es also bei unserer Ausstellung hier im Mannlichhaus mit einem künstlerischen Sprengstoff zu tun, der die alte Frage wieder aufwirft: Was darf Kunst und was darf sie nicht?

Zwischen dem bildhauerischen Werk und dem Zeichnerischen gibt es bei Hrdlicka thematisch keinen Unterschied. Hier wie dort geht es um den kreatürlichen, um den an sich und seiner Zeit leidenden Menschen. Allerdings tritt dieser Ansatz in den Papierarbeiten drastischer hervor als in der Bildhauerei. Während der Stein durch seine Masse die ungestüme Ausdruckskraft des Künstlers zu bremsen scheint, scheint es bei den Zeichnungen und erst recht bei den Aquarellen und Gouachen so, als könnte der Künstler hier völlig ungestüm und unzensiert seine vitale Phantasie voll ausleben und zum Ausdruck bringen. Hier scheinen keine Zwischentöne möglich. Offen bringt der Künstler Tabuthemen aufs Blatt und huldigt einem bisweilen derb erscheinenden Vitalismus, der völlig ungehemmt die verborgensten Winkel einer gequälten Seele nach außen kehrt.

Für Alfred Hrdlicka findet Kunst nicht im Elfenbeinturm statt, sie steht mitten im Leben. Mit provozierenden Bildern leuchtet er die Schmuddelecken der menschlichen Existenz aus und zeigt, wie dünn die zivilisatorische Schicht ist, hinter der die Bestie Mensch lauert:

Gefährlich ists den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn.

dichtete Friedrich Schiller 1799 angesichts der Exzesse der französischen Revolution. Bei manchen Blättern Hrdlickas scheint es so, als möchte er genau dies mit seinen Werken darstellen: Es geht um das Aufbrechen des zivilisatorischen Schutzmantels in konkreten historischen Situationen ebenso wie beim Individuum selbst. Situationen, in welchen der vermeintlich sicher geglaubte kulturelle Verhaltenskodex nicht mehr funktioniert, wo sich detruktive Energien freisetzen, die bis dahin unter dem Deckel der Vernunft, nur notdürftig verborgen gehalten wurden. Die Ikonographie ist hier durch Francisco de Goya vorgeprägt. Blatt 43 seines Zykluses Cappricios trägt den Titel “El sueño de razon produce monstros” - Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Hrdlicka bekennt sich zu einer schonungslosen Subjektivität. Mit Vorliebe wendet er sich solcher Extremsituationen zu und zeigt das, was man als Zusammenbruch bezeichnen würde, der Welt der Gefängnisse, der Folterkeller, der billigen Bordelle und der Irrenanstalten. Bei Heine die Matrazenkruft, die Bettstatt, an die der Dichterjahrlang gefesselt blieb, Opfer seiner Träume und ungestillten Triebe - eine Parallele zum Leben des Malers selbst, der ebenfalls durch Krankheit und schwindende Kraft sein eigenes Hinscheiden deutlich spürt?

Kunst und sei sie noch so genial und sublim, so scheint es, hat ihren Ursprung in dem Umstand, dass der tiefe existenzielle Riss in der Psyche des Menschen nach Überwindung drängt. Der Ursprung des Kunstwerkes ist die Sublimation. Hier erkennt man in dem Künstler Hrdlicka ganz den Freudianer.


Die Kunst, Kultur, Sitte und Anstand erscheinen hier als Schutzschicht, die es analytisch zu hinterfragen gilt. Was kommt dabei heraus? Wir sehen es.
Alfred Hrdlicka hat an dieser Ikonographie des Leidens und der Pervertierung der menschlichen Existenz jahrzehntelang gearbeitet. In einer Traditionslinie mit Francisco de Goya und William Blake stehend hat er hier ein Werk geschaffen, das den Menschen aus der Sicht der Ausnahmesituation darstellt, in der Hrdlicka eine Regel erkennt, die er uns wie ein Spiegel vor Augen hält. Gesellschaftssysteme, wie der Faschismus - dem Stalinismus gegenüber erweist er sich leider als blind - erhalten unter diesem Blickwinkel gesehen eine neue Deutung, die sich nicht von den Perversionen kapitalistischer Unterhaltungsindustrie unterscheidet. Der ausbordende Markt für Kinderpronografie und anderen Missbrauchsorgien ist wie das System politischer Unterdrückung in der Missgestalt der menschlichen Seele verortet.

Der Mensch ist im Werk Hrdlicka der “Ecce Homo” der Passionsgeschichte, der aber, im Gegensatz zu Christus, nicht unschuldig stirbt, denn der fügt seinen Mitmenschen ebenfalls Leid zu, in der falschen Vorstellung gefangen, dadurch selbst weniger leiden zu müssen.
In Hrdlickas Werk gibt es keine Unschuld. Mit der entlarvenden Gründlichkeit der Wiener Psychoanalyse macht er sowohl sich selbst als auch die Kultur zu einem Patienten auf der Coach.
Ganz im Sinne des epischen Theaters von Bert Brecht gibt es bei ihm keine Helden. In seinen Kunstwerken kommt es nicht zu einem Happy Ende. Er steigt hinab ins Schattenreich des Lebens, in der die Kreatur ganz bei sich selbst ist. Seine Kunst ist entlarvend, radikal, schockierend. Selbst im Alter von über achtzig Jahren setzt er den Weg fort, den er seit vielen Jahren beschreitet. Man könnte es radikale Selbstentlarvung nennen, die hier vorgenommen wird, und die ganz seinem Programm entspricht.
Er brauche keine Visionen, er lese Zeitung, hat Hrdlicka einmal gesagt. Dies war zwar eine große Untertreibung, denn er ist sehr wohl in der Kunst zu Hause, in der Geschichte, die zurückreich bis in die Zeit der Hunnenkriege, der französischen Revolution und ins 19. Jahrhundert. Die Visionen, die er mit seinen Bildern schafft, entstammen der Perversionen des Menschen, die über die Massenmedien tägliche Verbreitung findet.

Auch nach dem Überschreiten des 80sten Lebensjahres ist es um den Künstler nicht stiller geworden und - wie Sie heute hier im Mannlichhaus sehen, zurecht nicht. An den beiden hier ausgestellten Zyklen zu Heinrich Heine und zu Wolfgang Amadeus Mozart werden sich die Gemüter ebenfalls erregen und die Meinungen entzweien, das kann ich Ihnen schon im Voraus prophezeien.
Obwohl es in diesen Zyklen nicht um die sexuellen Übergriffe von Priestern an Kindern und um die Verschleierungstaktik der Amtskirche geht wie bei dem “Sankt Pölten” Zyklus, der etwa gleichzeitig entstanden ist,, bieten diese Blätter noch genug Sprengstoff, der lieb geglaubte Klischees von Dichtern, Komponisten und anderen Kulturheroen in Frage stellt und sie ganz auf das Kreatürliche zurückführt. Hierin liegt offenkundig eine Absicht. Hrdlicka demontiert gewohnte Bilder.
Heinrich Heine und Wolfgang Amadeus Mozart - der eine als Dichter, der andere als Komponist, werden hier in ihren Wesen beleuchtet und analysiert. Dabei werden Abgründe zur Darstellung gebracht. Beide sind durch die historischen Umstände gebrochene Existenzen. Es geht nicht um das Werk als die schöne, reine Einheit, als die wir sie gerne sehen, sondern vielmehr geht es um den Abgrund, aus dem das Werk sich entwindet.
Die Kunst als die Erhöhung des Menschen über das bloß Kreatürliche hinaus - ist das die Botschaft, die uns der Künstler mit seinen Blättern vermitteln möchte oder ist es vielmehr umgekehrt, ist es vielleicht der Kammerdienerblick im Hegelschen Sinne, der Kammerdiener für den es keine Heroen gibt, weil er den Menschen hinter der gesellschaftlichen Maske aus nächster Nähe kennt?
Diese Frage wird sich wohl jeder von uns selbst beantworten müssen, denn für eine Antwort in die eine wie auch in die andere Richtung gibt es Hinweise genug.
Das wiederum ist das Spannende an Hrdlickas Kunst - wie übrigens auch an der Person des Künstlers selbst - trotz aller scheinbarer Offenheit bleibt beides unfassbar. Wir lesen Spuren, finden aber keine eindeutigen Antworten, wie auch die Blätter in ihren vagen, bisweilen sogar verschwommenen Andeutungen. Beide Zyklen, 2005, 2006 entstanden, zeigen unverkennbar Spuren des körperlichen Abbaus, der nach dem Freitod seiner Geliebten Flora im Jahr 1999 für eine lange Zeit unfähig gewesen ist, Gedanken und Gefühlen künstlerischen Ausdruck zu verleihen. Diese Zyklen, das wird deutlich, erreichen nicht den Schwung und die Kraft, die wir von den großen Radierzyklen der 80er und 90er Jahre kennen, es sind bisweilen zarte Aquarelle, deren Konturen sich in Nebelschwaden aufzulösen scheinen. Aber bisweilen blitzt darin eine Strichführung auf, die etwas von der früheren, immer noch vorhandenen Kraft verrät. Insofern handelt es sich bei den hier ausgestellten Arbeiten um etwas ganz Besonders, um Exponate, die etwa mit dem Alterswerk Picassos zu vergleichen sind. Wie bei allen wirklichen Künstlern, die mit ihrer Kunst leben und ihrer Kunst einen radikalen Subjektivismus unterlegen, spürt man auch hier die Ehrlichkeit.
Die Darstellung des eigenen Niedergangs ist hier mit einbezogen. Die Verlust an Kraft bei allen Wünschen und Phantasien, die noch als vitalistische Spur in der einen oder anderen temperamentvollen Linie aufblitzt.

Dauer der Ausstellung noch bis 8.11.2009
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag. 15-18 Uhr
Zweibrücken, Herzogstraße 8