La playa de otoño - Herbststrand

von Helmut Orpel



Der Herbst war in diesem Jahr früh gekommen, viel früher als sonst. Bereits Anfang September hatte es zu regnen begonnen und die letzten Gäste waren abgereist. Für Muñoz bedeutete dies ein herber Verlust, Normalerweise vermietete er Zimmer bis in den Oktober hinein. Selbst im Oktober kamen noch Badegäste an die Playa de Otoño, der Strand, der deswegen so genannt wurde, weil auch im Herbst dort die Luft und das Wasser noch so warm waren wie andernorts nur im Sommer.


Albrecht war es recht, dass die Fremden gegangen waren. Jetzt zog im Dorf wieder Ruhe ein. Die Einheimischen waren wieder unter sich und Albrecht zählte sich zu den Einheimischen. Schon dreißig Jahre lebte er in diesem Dorf auf der Insel. Damals war die Playa noch unendlich weit entfernt. Ein holpriger Weg führte vom Dorf aus erst mehrere Kilometer an Steinmauern entlang, dann auf die Landstraße, die careterra.
Diesen Steinmauernweg entlangzufahren war recht abenteuerlich. Wenn sich zwei Autos entgegenkamen, mussten sie geschickt manövrieren, um aneinander vorbei zu kommen. Oft gab es Unfälle, meist Blechschäden. Mit seinem alten VW-Käfer, den er vor dreißig Jahren mit auf die Insel gebrachte hat, schaffte er es spielend, die schwierigsten Hindernisse zu umfahren. Anita war darin noch geschickter als er. Sie kannte jedes Schlagloch persönlich. Er lächelte, als er an Anitas Fahrkünste dachte. Oben in den Bergen war sie einmal an einer Felswand entlanggeschrammt, als ihr ein Tourist in einem Cabrio entgegenfuhr. Hätte sie nicht so kaltblütig reagiert, wäre er in die Schlucht gestürzt.
Die Uhr zeigte sieben. Er hatte sein Tagwerk nicht vollenden können. Unzufrieden mit sich legte er die Skizzen in den Graphikschrank und beschloss, doch noch zu Muñoz zu gehen, um ein Glas Wein zu trinken. Er verschloss die schwere Eichentür und steckte den Schlüssel in die Tasche. Patricia würde so früh nicht nach Hause kommen. Sicher würde sie erst zurückkommen, wenn er längst schliefe.
Albrecht dachte an die Landstraße, die hinunter zur Playa führte. Dort standen jetzt große Hotels mit unzähligen Zimmern. Viele Restaurants gab es dort: chinesische, italienische und deutsche Bierstuben. Paella wurde an jeder Ecke angeboten, zum Sonderpreis. Mit der Paella von früher hatte die allerdings wenig zu tun. Früher gab es an der Playa de Otoño nur ein einziges Restaurant, das von Montse, die wunderbar Fisch kochte. Man saß auf schmalen Holzbänken und verzehrte den Fisch. Dazu trank man einen einfachen Landwein, wie es ihn heute auf der ganzen Insel nicht mehr gibt. Der heutige Wein kam Albrecht gegenüber dem aus seiner Erinnerung wie kastriert vor. Er sah so aus wie Wein, schmeckte auch irgendwie ähnlich, war aber eine auf EU Normen getrimmte Flüssigkeit, die den Geschmack der Erde nicht mehr verriet.




Mit Anita hatte Albrecht den Wein, der unweit von der Playa de Otoño angebaut wurde, genossen. Er wuchs an ärmlichen Weinstöcken, die bei Sturm halb mit Sand bedeckt waren. Fast jeden Tag im Sommer, bis in den Herbst hinein, fuhr er mit dem immer älter werdenden VW und Anita auf dem Beifahrersitz vom Dorf hinunter bis zur Landstraße und auf der Landstraße zum Strand.
Bis in die Dunkelheit hinein badeten sie. Dann hatten sie auf Montses Bank gesessen, hatten Fisch gegessen und Wein getrunken. Anita mochte die russischen Dichter, sie las ihm Ossip Mandelstam, Negrassov und Sergej Jesenin vor. Sie konnte auch russisch und hatte an der Freien Universität Slawistik studiert. Dann hatte sie ihn geheiratet und war mit ihm nach Spanien gegangen.

Zehn Jahre war Anita nun schon tot. Und er fühlte sich schrecklich allein. Ein Arzt in Deutschland hatte die Erkrankung bei einer Routineuntersuchung festgestellt und sie sofort in ein Krankenhaus überwiesen. Aber es war damals bereits zu spät. Zwei Jahre hatte sie nach der Operation noch gelebt. Eine Zeitlang hatte Anita Bestrahlungen bekommen. Jeden Monat fuhr sie nach Palma zur Untersuchung, aber ihr Zustand besserte sich nicht. Die sterblichen Überreste von dem, was Anita einst gewesen war, die starke, blondgelockte wagnerianische Frau, lagen auf dem Friedhof am Hang, etwas oberhalb des Dorfes, das ihr Dorf gewesen war.
Aber für ihn lebte sie weiter. Überall war ihr Geist zu spüren. Selbst nach zehn Jahren konnte er Muñoz Bar nicht betreten, ohne nach ihr zu suchen. Sein Schmerz war noch so frisch wie damals an dem milden, schönen Herbstabend, als er zum letzten Mal ihre Hand hielt. In welcher Welt war sie nun wohl, seine Anita.

Lange lebte er einsam und traurig. Die Kunstwerke, die ihm den Wohlstand bescherten, der es ihm und ihr ermöglicht hatte, sorgenfrei auf der Insel zu leben, wollte nun keiner mehr. Sie vergammelten in den Regalen, aber er malte unverdrossen weiter, unzeitgemäß, wie ihm ein Galerist, der einst durch seine Werke reich geworden war, jetzt schrieb. Das Trinken wurde zur Manie. Albrecht soff so viel, dass selbst Muñoz sich um ihn Sorgen machte. Der elegante Caballero aus Deutschland, vernachlässigte sein Äußeres, kam mit struppigen Haaren und ungewaschenen Hemden. Anita hätte das nie zugelassen.


Albrecht betrat das Lokal von Muñoz. Es waren viele Leute im Raum und etliche saßen an den Tischen auf der Terrasse. Die Leute grüßten den Maler freundlich und luden ihn ein, sich zu ihnen zu setzen. Er lehnte ab, denn er bevorzugte die Einsamkeit. Er mochte die Leute, aber manchmal ertrug er deren Geschwätz nicht, besonders wenn er den Spott in ihren Augen zu bemerken glaubte. Und sie glaubten Grund zum Spott zu haben. Das spürte er.

Albrecht hatte wieder geheiratet. Sie hieß Patricia und war von Kuba auf die Insel gekommen. Zunächst hatte sie als Haushaltshilfe für ihn gearbeitet. Aber dann war sie nach und nach bei ihm eingezogen. In den ersten Wochen war es Leidenschaft. Er fühlte sich wieder jung, sie wollte Kinder, Kinder von ihm, der längst ihr Vater hätte sein können. Albrecht genoss das Verlangen der jungen Frau, oder besser das, was beide für Verlangen hielten.

Albrecht hatte das Erkalten rechtzeitig gespürt, das Erkalten dieser kurzlebigen Leidenschaft und mit dieser Kälte war die Melancholie zurückgekehrt. Er saß jetzt wieder öfter allein bei Muñoz in der Bar Espanyola an der Plaça. Er trank Wein, mehr als er vertrug und schaute den spielenden Kindern zu, die über den Platz rannten. Die Episode mit Patricia war eine kurze Unterbrechung gewesen, wie ein Sonnenstrahl an einem trüben Herbsttag in Deutschland, rasch verlöschend.

Albrecht hatte sich an die Fremden gewöhnt, die sommers hier ihre Zeit verbrachten. Als er vor dreißig Jahren auf die Insel gekommen war, gab es hier noch keinen Tourismus.
Mit dem Restaurant von Montse entwickelte der sich erst. Montse stammte aus dem Dorf. Ihre Eltern waren Bauern. Sie hatte zwei ältere Brüder. Der älteste bekam das wertvolle Ackerland in der Nähe des Dorfes. Er sollte den Hof weiterführen und die hundert alten Olivenbäume, die auf dem geerbten Land standen, repräsentierten einen gewissen Reichtum.
Montse erhielt das Land am Meer, das man damals für wertlos hielt, weil man darauf nichts pflanzen konnte und die Fischerei brachte auch nicht mehr viel ein. Sie nahm das Erbe an und haderte nicht mit ihrem Schicksal. Ihre Küche wurde überall gerühmt und bald wurde ihr Restaurant zum Geheimtipp für die Fremden, die von überall her auf die Insel kamen. Zügig baute sie das Lokal geschmackvoll aus.Die Holzhütte verschwand, bald entstand ein Gebäude aus Beton, daneben nach kurzer Zeit ein Hotel und noch ein Hotel. Montse hatte bereits in der ersten Phase ihrer Expansion Land dazugekauft. Heute gehört ihr die ganze Bucht, die ganze Playa de Otoño. Albrecht bewunderte die Geschäftstüchtigkeit der Frau aus dem Dorf, die er bereits als Teenager gekannt hatte. Damals war sie so arm. Heute hatte sie mehrere Fincas auf der Insel, aber immer noch stand sie gerne in der Küche und kochte Fisch.



Als er vor dreißig Jahren mit Anita von Berlin kommend auf die Insel gezogen war, gab es hier keinen Tourismus, nur einzelne, individuell Reisende: Hippies, Schriftsteller oder Maler wie er. Die inneren Gebiete waren der Landwirtschaft vorbehalten, die Dörfer waren durch den Wein- und Olivenanbau geprägt. Auf der Plaça trafen sich am Sonntag die Bauern mit ihren Familien. Die Frauen saßen auf der einen Seite des Cafés Espanya, die Männer auf der anderen und die Kinder tollten auf der Plaça herum.

Albrecht war der erste Fremde, der in diesem Dorf ein Haus kaufte. Der Kunstmarkt boomte damals. Er konnte mit hohen Einnahmen rechnen und das blieb so, einige Jahre lang. Immer öfter kam er auf die Insel. Anfangs waren es immer nur einige Wochen, die er mit Anita hier verbrachte.
In seinem Berliner Atelier stapelten sich die Aufträge, wie jetzt die unverkauften Bilder in seinen Regalen. Ein geschickter Anlageberater legte das Geld für ihn in Aktien, Fonds und anderen Wertpapieren an, von denen Albrecht keine Ahnung hatte und keine Ahnung haben wollte. Er ließ den Anlageberater gewähren und gab ihm freie Hand. Über viele Jahre hinweg hatte er es so gehalten und war dabei gut gefahren. Aber im letzten Herbst hatte er viel verloren. Er wusste es und wollte es dennoch nicht wissen. Patricia hatte ihm schwere Vorwürfe gemacht, dass er so leichtsinnig mit ihrem Geld umgegangen sei. Er zuckte nur die Schultern – ihrem Geld, es war doch in erster Linie sein Geld. Seit der Zeit gab es immer öfter Streit und sie kam abends erst sehr spät nach Hause. Er wusste, sie trieb sich in irgendwelchen Discos an der Playa herum. Teure Schuppen, in die er nie hineingegangen wäre.

Muñoz bracht Albrecht das dritte Glas. Er hatte von den Tintenfischen gegessen, das milderte die Wirkung des Alkohols etwas. Albrecht nickte dankbar, als Muñoz das volle Glas neben den Teller stellte. Jetzt war es halb zehn und draußen war es schon dunkel geworden. Langsam trank er sein Glas aus und steckte den Notizblock, der vor ihm auf dem Tisch lag, in die Jacke, die er wegen der aufkommenden Kühle über die Schulter gehängt hatte. Er verabschiedete sich von Muñoz durch ein kurzes Nicken und dessen Frau winkte ihm noch lächelnd zu. Albrecht überquerte die Plaça. Die Kinder waren immer noch aktiv und spielten moros y cristianos, ein Spiel, das hier im Dorf wohl schon seit 1000 Jahren von den Kindern gespielt wurde. Albrecht ging über den Platz und bog in seine Gasse ein. In seinem Haus brannte kein Licht, wie er erwartet hatte. Er ging in den Schuppen. Dort stand er noch. Der alte VW Käfer. Als er ihn anließ, tuckerte er erst und es schien, als wolle er nicht anspringen. Aber dann willige der Motor doch ein, sich zum letzten Mal in seiner Todesruhe stören zu lassen.
Die Steinmauern am Weg gab es längst nicht mehr. Sie waren einer modernen, mit EU-Mitteln finanzierten Straße gewichen. Bis zur Landstraße dauerte es nur ein paar Minuten und die Gefahr, mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammenzustoßen, war unter normalen Umständen nicht mehr gegeben. Nach kurzer Zeit sah Albrecht schon die Lichter der Playa de Otoño. Er bog ab und parkte dort, wo einst Montses Weinberg gewesen war. Heute stand hier ein großes Hotel, das genügend Parkplätze vorhielt, um selbst in der Hochsaison gerüstet zu sein. Die Bars in den Straßen waren sehr belebt. In den Bierkneipen hörte er deutsche Musik und grölende Menschen. Er ging ungerührt vorbei. Weiter unten waren die Discos. Vor einer von ihnen erkannte er Patricia. Sie stand dort mit einer Freundin und rauchte. Patricia - ein schönes Geschöpf, musste Albrecht zugeben. Schlank, groß, eine Figur, wie man sie selten sieht, grüne Augen und schwarze, gelockte Haare, eine Perle aus der Karibik. Für kurze Zeit hatte die Leidenschaft seine Einsamkeit vertrieben - Illusionen im Meer der Vergänglichkeit.
Er drückte sich enger an die dunkle Hauswand gegenüber der Disco. Sie hatte ihn nicht bemerkt und er konnte seinen Weg zum Strand fortsetzen. Albrecht wunderte sich selbst, wie wenig ihn die Begegnung mit Patricia berührte. Hatte er sie losgelassen, war er noch in ihrer Welt, war er noch in der Welt? Mit festem Schritt ging er weiter. Er roch das salzige Wasser des Meeres, er spürte die warme Prise, die ihm entgegenkam – viel zu warm für seine Jacke, die er immer noch um die Schulter trug. Dann öffnete sich plötzlich der Blick und er sah weit hinaus in die Bucht. Am Strand gingen noch viele Menschen spazieren. Hand in Hand wie er einst mit Anita. Er ging weiter zum Wasser. Im Sand fiel ihm das Gehen schwer und er spürte die Arthrose in seinen Knien, die er normalerweise aus seinem Bewusstsein verdrängen konnte. Er ging und ging. Der Weg kam ihm endlos vor bis er das Wasser erreichte. Die Wellen schlugen sanft an den Strand. Er spürte die Feuchtigkeit in seinen Schuhen, aber es störte ihn nicht. Tränen traten wieder in seine Augen. Dann ein Licht, ein Licht wie vorhin auf dem Platz, am Abendhimmel hatte es gezuckt, für einen Moment nur, aber zauberhaft schön. Er hatte es malen wollen.
„Komm komm“, sagte die sanfte Frauenstimme. „Komm, ich bringe dich nach Hause."Auf einmal fühlte er, wie es warm in ihm wurde. Er blickte durch den Tränenschleier seiner Augen und erkannte das Licht, die Frau mit dem herrlichsten Lachen, das er je gehört hatte und den blonden Locken, fast etwas zu wagnerianisch, wie er fand, aber auch sie war ja älter geworden und er folgte ihr nach.

(Fotografien Ana Orpel)

Die Nacht von Saint Cloud

nach einem Gemälde von Edvard Munch

Gedankenschwer der Kopf,
das Fensterkreuz wirft seinen Schatten.
Wie ein Geist, der Alte dort,
der Vater, ganz in sich versunken.
Ein Opfer seiner Zeit
wie der Zylinderhut.
Blau ist das Licht
der frühen Stunde.

Die Mole fern im Morgennebel,
der Abschied liegt schon lang zurück.
Erinnerungen werden wach,
der Möwenschrei von Asgarstrand,
Des kranken Mädchens Kopf,
Melancholie in ihren Augen,
Sehnsucht nach dem Leben
niemals war er an ihrem Grab.

Es war nur eine Nacht,
in der die Welt im Tanz sich drehte,
und der Morgen danach,
fand sie allein ihrem Bett.
Der Geliebte war längst fort
still hat er sich hinausgeschlichen,
und es blieb nur das Gefühl
der schalen Leere da.

Der Vorhang weht im Wind,
das Lampenlicht ist schon verloschen.
Ein dunkler Schatten bleibt.
Er wird nie von der Seele weichen,
nie mehr das helle Licht
der schlanken Birkenwälder.
Ein Herz, das schnell zerbricht,
des Lebens Ungeduld.

Aus "Von surrealistischen und anderen Engeln"

der gesamte Roman ist für 10 € vom Autor direkt zu beziehen:



Am 23. Dezember waren sie losgefahren. Christine, immer noch übler Laune, steuerte den Wagen. Jacobs Klagen über den Niedergang der Galerie schlugen ihr auf den Magen. “Wie kann dieser Profi der Werbebranche eine solche Blamage hinnehmen?” Sie hatte schon nach zwei Monaten aufgegeben und war in ihren alten Beruf zurückgekehrt. Christine blickte aus dem Fenster auf die Berge des Schwarzwaldes, die schon mit einer dicken Schneedecke überzogen waren. Kaum Einnahmen und das trotz Weihnachtszeit. Nur Schulden - ein Gerichtsvollzieher sei gekommen und wollte wegen ausstehender Steuerschulden pfänden. Aber auf Jacobs Angebot, er solle doch Bilder nehmen, hatte der mit den Schultern gezuckt: Unverkäuflich, hat der nur gesagt und war gegangen. Jacob hatte ihr das alles mit einem Schmunzeln im Gesicht erzählt, so als sei überhaupt nichts dabei, wenn man abloost. “Besitzt denn mittlerweile ein einfacher Gerichtsvollzieher mehr kaufmännischen Sachverstand als Jacob?” Stumm trat sie aufs Gaspedal, als hinter Baden-Baden die Strecke wieder frei wurde. “Kein Wunder bei dem Zeug, das er sich da von seinen neuen Freunden an die Wände hängen lässt.” Sie dachte das nur und sagte nichts, blickte aber verstohlen hinüber zu Jacob, der zu schlafen schien. Jacob schlief nicht, er hing seinen Gedanken nach. Er war froh gewesen, als er am vergangenen Montag das Schild an die Ladentür hatte hängen können - bis 15. Januar geschlossen. “Kunst verkauft sich in den Weihnachtswochen schlecht, erst recht gehaltvolle, hochwertige Kunst, die den Menschen zum Denken anregen soll”, wollte er Christine begreiflich machen, als sie am Walldorfer Kreuz in Richtung Basel abbogen. Aber sie hatte ihm nur erklärt, dass er dann eben auf Künstler zurückgreifen müsse, die vielleicht weniger gehaltvoll, dafür aber verkäuflicher seien. Diese Debatte war nicht neu und hatte bereits in der Gründungsphase der Galerie immer wieder zum Streit geführt. Sie hatten beide die Galerie gegründet und große Hoffnungen in dieses Projekt gesetzt. Am Eröffnungsabend waren viele Freunde gekommen. Sie hatten Geschenke mitgebracht und manche hatten sogar etwas gekauft, kleine Bilder meist. Mit dem Umsatz konnten sie noch nicht einmal die Ausgaben für die Vernissage bestreiten, ein schlechtes Vorzeichen. Nach zwei Monaten war Christine abgesprungen. Sie war zurückgegangen in die Werbeagentur, wo man sie “mit Kusshand”, wie sie sagte, wieder aufgenommen hat. “Mit Kusshand!” Jacob konnte sich vorstellen, dass sein ehemaliger Chef, Scheid mit Namen, froh war, dass Christine allein zurückgekehrt war, ohne ihn. An der schweizer Grenze wurden sie einfach durchgewunken. Jacob hoffte im Stillen, dass er nun das Gesprächsthema “Galerie” endlich bei Seite schieben könnte. Und damit auch das Gefühl, sich ständig vor Christine rechtfertigen zu müssen. Sie war wenig gesprächig, schaute stumm auf die Straße und beobachtete das Schneetreiben, das immer heftiger wurde. Kurz vorm Vierwaldstätter See gab es einen Stau. Es begann, dunkel zu werden. Christine erzählte von ihrem neuen Auftrag, den ihr der Chef zugeteilt hätte und wie erfolgreich sie den zuständigen Ressortleiter der Firma, die den Auftrag vergab, umgarnte. Jacob konnte sich das gut vorstellen, wie das funktionierte. Christine wirkte apart und sie konnte sehr charmant sein. Natürlich hatte sie den Auftrag an Land gezogen, ein paar Millionen Jahresumsatz für Scheid und das mit nur einem Auftrag! Christine hatte eine dicke Erfolgsprämie kassiert. Scheid, ihr Chef ließ sich nicht lumpen. Sie hatte Jacob das Geld geliehen, um die Steuerschulden zu bezahlen. Es hatte ihn gewurmt, dass er selbst dazu nicht in der Lage war. Im Stau stehend kam sie wieder auf die Agentur zu sprechen. Auch Scheid sei über Weihnachten in der Toscana. Er hätte ein Haus in Radda in Chianti. Wo das denn liege, wollte sie wissen. Jacob hatte mehrere Jahre in der Toscana gelebt und er konnte ihr das natürlich erklären, was er gerne und ausführlich tat, froh darüber, dass sie auf andere Themen zu sprechen kamen und es nicht mehr um seine erfolglose Kunstgalerie ging. In der Zwischenzeit war es dunkel geworden und kurz vor dem Sankt Gotthard entschlossen sich, ein Quartier zu suchen. Beim Abendessen schien Christine glänzender Laune. Aber Jacob fühlte sich schlecht und auch in der Nacht schlief er nicht gut. Mitten in der Nacht stand er auf und zog sich an. Ein sternenklarer Himmel überspannte die Berge und in der Dorfmitte leuchtete der Weihnachtsbaum immer noch. Die Lichter siegelten sich im glitzernden Schnee. Der Ort wirkte ähnlich wie Reutte, wo er vor vielen Jahren den Kunsthändler Ermanno Mercantelli kennengelernt hatte, den sie jetzt in Greve besuchen wollten. Ermanno handelte nicht mit großer, teuerer Kunst, sondern mit gefälligen Landschaften und italienischen Motiven. Seine Bilder waren vom handwerklichen Standpunkt gesehen gut gemalt, aber natürlich keine anspruchsvollen Kunstwerke. Trotzdem hatte die Begegnung mit dem Toskaner Jacobs Leben sehr verändert. Er war einige Jahre in der Toskana geblieben und aus dem erfolgsorientierten, materialistischen Manager war ein Philosoph geworden, dessen Philosophie mit seinem bis dahin geführten Leben leider nicht mehr in Einklang zu bringen war. Vor Jacob erhob sich das Massiv des Sankt-Gotthard. Die eigentliche Grenze zwischen Italien und dem Norden. Jenseits dieser Berge sei die Welt freundlicher, menschlicher und liberaler, hatte Jacob geglaubt, bevor er das Leben in Italien kennengelernt hatte. Er ging langsam zum Gasthof zurück, vorbei an einer erleuchteten Autowerkstatt, in der noch gearbeitet wurde. Christine schlief fest und ruhig, als er das Zimmer betrat, sie hatte nichts bemerkt von seiner nächtlichen Wanderung. Er schlief unruhig und als er am Morgen aufwachte, war Christine schon längst im Bad. “Du hast laut geschnarcht”, rief sie ihm vorwurfsvoll aus dem Bad heraus zu, als sie bemerkte, dass er wach war. “Seit wann schnarchst du? Das hast du früher nicht gemacht.” “Ich weiß es selber nicht”, antwortete er auf diese unbeantwortbare Frage. Christine war schon vorausgegangen und saß bereits am Frühstückstisch, als er umständlich den Kaffee in die Tasse goss. Jacob erzählte von seinem Schlafstörungen und dass er durchs Dorf gelaufen sei, weil er es im Bett nicht mehr ausgehalten hätte. Er hatte das Gefühl, dass sich Christine nicht sonderlich für seine Schlafprobleme interessiert. Gleich nach dem Frühstück fuhren sie weiter und erreichten Greve gegen zwei Uhr am Nachmittag. Das Städtchen wirkte wie ausgestorben. Die Familien waren zu Hause und bereiteten sich auf das Abendessen vor. Von Weihnachtsstimmung war hier nichts zu spüren. Trotz des großen Weihnachtsbaums neben dem Denkmal von Giovanni di Verazzano wirkte die Stadt eher herbstlich. Jacob wollte gleich zu Ermannos Haus in der Via Vespuci fahren, aber Christine war, wie so oft, anderer Meinung. Sie wollte zuvor im Café am Marktplatz einen Cappuccino trinken. Jacob willigte ein. Das Café an der Piazza war weihnachtlich geschmückt mit jenem unmöglichen Kitsch, der nur in Italien um die Weihnachtszeit möglich ist. Ein kleiner Christbaum stand auf der Theke und strahlte das Riesengebirge aus bunten Pannetoneschachtelt mit grellen Leuchtfarben an. Trotz dieser übertriebenen Dekoration oder vielleicht gerade deswegen strahlte das Café eine traurige Melancholie aus, die so ganz in die Stimmung von Jacob passte, der sich an die glücklichen Jahre, die er hier verbrachte, erinnerte. Ein paar Jugendliche spielten Flipper. Christine bestellte sich den begehrten Cappuccino und schien zufrieden. Jacob beobachtete die jungen Männer, die sich an der Bar langweilten und darauf warteten, endlich schließen zu können. Sie kamen ihm alle noch bekannt vor, aber es war, als längen jetzt Welten zwischen damals und heute. Damals gehörte er nach Greve, jetzt war er wieder der Fremde, wie in der Zeit, bevor er gekommen war. Als er mit Christine das Lokal verließ, erwiderte ein Kellner sein Lächeln, aber es war nicht das freundschaftliche Lächeln des Wiedererkennens, es war eher ein geschäftsmäßiges Mundwinkelverziehen, um der Kundschaft eine Freude zu bereiten, nicht ernst gemeint. Es kam nicht aus dem Innern. Christine und Jacob ließen das Auto stehen und gingen zu Fuß über die Brücke zur Via Vespuci hinauf. Die Weihnachtsbeleuchtung, die über der Straße baumelte, verstärkte das Gefühl der Traurigkeit eher noch und Jacob war endlich froh als er Ermannos vertraute Stimme hörte. Voller Freude kam der beleibte Mann die Treppe heruntergelaufen und umarmte die beiden Ankömmlinge. Das Haar, etwas schüttern geworden, verriet immer noch die einstige pechschwarze Farbe. Gesa hatte in der Küche schon alles für das Abendessen vorbereite und kam strahlend den Besuchern aus Deutschland entgegen. Jacob umarmte sie herzlich. Christine wirkte steif, als sie von der freundlichen Gastgeberin nach traditioneller Manier an den Wangen berührt wurde. Jacob hatte diese Geste anfangs missverstanden und bei der Begrüßung die Frauen wirklich mit einem heftigen Schmatzer auf die Wangen geküsst, was ihm bald übelgenommen worden war. Sie redeten Deutsch miteinander. Gegen Ende seiner Zeit in Greve hatte Jacob mit Gesa und Ermanno nur Italienisch gesprochen. Sie redeten Deutsch Christine zuliebe, damit sie sich nicht ausgeschlossen fühle. Aber dieses Entgegenkommen half wenig. Sie kapselte sich immer mehr ab und schien ganz in ihre Gedanken versunken. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden und Gesa machte sich wieder in der Küche zu schaffen. Ermanno hatte längst von dem Wein geholt, den er im Weinberg vor dem Ort kultivierte und den beiden Gästen sowie sich selbst reichlich davon eingeschenkt. Während die Gesprächen zwischen Jacob und Ermanno auch in Folge dieses Weingenusses immer ausgelassener wurden, verstummte Christine immer mehr. Mittlerweile waren die beiden Freunde bei den Geschichten über die Malergruppe aus Mailand angelangt, die Jacob im nächsten Jahr in seiner Galerie ausstellen wollte und Gesa bereitete gerade die Crostini aus Rindermilz, die sie vor dem Hauptgang servieren wollte. Da wurde es Christine zu viel. Sie zog sich ins Zimmer zurück, in dem sie bei der Ankunft ihr Gepäck verstaut hatten. Nach etwa einer halben Stunde folgte er ihr, wohl wissend, dass an ihrer schlechten Stimmung nun nichts mehr zu ändern sei. Aber er täuschte sich. Christine lag auf dem Bett und las in einem Buch. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet mit Möbeln, die vorher Ermannos Mutter gehört hatten. Das Bett quietschte. Christine rümpfte die Nase als sich Jacob zu ihr setzte. “Ich möchte nicht die ganze Zeit mit euch hier verbringen”, sagte sie und legte das Buch zur Seite. “Für ein paar Tage werde ich nach Florenz gehen, und zwar ohne dich. Ich geh shoppen und dabei warst du mir nie eine große Hilfe. Das mache ich am besten allein.” Jacob war sauer. Die gute Stimmung, die ihm die Wiederbegegnung mit den Freunden beschert hatte, war mit einem Mal verflogen. Was wollte sie allein in Florenz? Eifersucht keimte in ihm auf. “Sicher ist Scheid in der Nähe. Der hat ja hier ein Haus, in Radda in Chianti!” Jacob konnte seine aufkommende Eifersucht noch unterdrücken. Er bemühte sich, sachlich zu bleiben und seinen Verdacht aus dem Spiel zu lassen. “Gut, dann fährst du eben nach Florenz und ich komme nach.” Sie nickte und es schien, als würde sich durch diesen neuen Plan ihre Stimmung wieder etwas aufhellen. Chistine schlug sogar versöhnliche Töne an: “Weißt du, ich war nie ein Gruppenmensch. Ich brauche meine Selbstständigkeit, sonst werde ich verrückt.” Sie ging ins Bad, ein kleiner, abgetrennter Raum, der zum Zimmer gehörte, duschte und machte sich für das Abendessen zurecht. Jacob lag auf dem Bett und blätterte in einer Zeitschrift. Als Christine aus dem Badezimmer heraustrat, wunderte er sich, wie elegant sie sich zurecht gemacht hatte, etwas over-styled, wie er fand für die ihm so vertraute Umgebung. Er täuschte sich. Auch Gesa hatte sich in Schale geworfen. Sie trug ein goldbrokates Kleid, das bis zum Boden reichte. “Ich habe es aus unserer alten Tagesdecke geschneidert, bekannte sie freimütig. Ermannos Ex-Frau sagte noch: Gesa, was hast du für ein schönes Kleid, aber die Farben kommen mir irgendwie bekannt vor. Ich weiß nur nicht, woher.” Christine lächelte charmant auf Gesas Auslassungen über ihr gespanntes Verhältnis zu Ermannos Ex-Frau. Das Essen war wunderbar. Jacob lobte mit ausschweifenden Worten die Crostini, die Gesa besonders gut gelungen waren. Auch die Pappardelle al Cinghiale erwies sich als ein Meisterwerk. Hinterher gab es Tiramisú. Am nächsten Morgen machte sich Christine auf den Weg nach Florenz. Alleine, wie sie sagte. Gesa und Ermanno wunderten sich. “Habt ihr Streit”, wollten die Beiden wissen. Jacob verneinte. “Sie braucht ihren Freiraum”, kommentierte er als sie mit dem Wagen losgefahren war. “Freiraum für was?” Ermanno schüttelte den Kopf. “Fürs shopping”, kommentierte Jacob. Er fühlte sich verlassen, zurückgesetzt. Hoffentlich traf sie sich nicht wirklich mit Scheid. Um sich abzulenken, lieh er sich Ermannos Cinquecento und stattete Zinca und Giuseppe einen Besuch ab. Dies waren Bekannte von früher. Zinca war Gesas Nichte. In Barcelona aufgewachsen war sie in der Zeit als auch Jacob in Greve war, zu Besuch gekommen und geblieben. Sie hatte sich in den tapsigen Weinbauern Giuseppe verliebt, der in einem verfallenen Schloss lebte und einer begüterten adligen Famile entstammte. Das sah man ihm aber nicht an, denn er lief, bevor er an Zinca geraten war, immer ziemlich verwahrlost herum. Auf der Fattoria gab es im Winter nicht viel zu tun. Trotz des Feiertags lag der Baron in Arbeitsklamotten unter seinem Traktor und reparierte ihn. Das Besondere an Giuseppes Schloss war die Bibliothek, die Jacob während seines Hierseins geordnet und katalogisiert hatte. Zinca hatte diese Ordnung bewahrt und regelmäßig den Staub entfernt, so dass alles glänzte und strahlte. Als sich der Gutsbesitzer gewaschen hatte und in die Küche kam, wo sich Zinca und Jacob niedergelassen hatten, erzählte er von einem Antiquar aus Florenz, die sich für seine Bücher interessiere und einen guten Preis geboten hätte. Die letzte Weinernte sei schlecht gewesen und er müsse in den Weinbau investieren. Jacob blutete das Herz bei dem Gedanken, dass diese teilweise Jahrhunderte alten Bücher von ihrem angestammten Platz entfernt werden würden. Tja, er müsse wahrscheinlich Bücher verkaufen. Jacob solle sich aber auf jeden Fall ein Buch aussuchen. Ihm sei es ja schließlich zu verdanken, dass die Bibliothek überhaupt einen Wert hätte. Jacob entschied sich für eine Erstausgabe von Longhis “Italienischer Kunstgeschichte”. Er bedankte sich und machte sich wieder auf den Rückweg. Es war schon dunkel geworden. Im Café am Marktplatz kehrte er ein. Er bestellte ein Glas Chianti und beobachtete die Leute: Den alten Mann, der mit dem Kellner über die Politik der Sozialisten stritt, die den armen Leuten das Geld genauso aus den Taschen holten wie die Christdemokraten. Der Kellner versuchte zu erklären, warum die letzte Steuerhöhung notwendig gewesen sei, aber sein Gegenüber hielt wortreich dagegen. Jacob vertiefte sich in Longhis Kunstgeschichte. Aber er konnte seine Gedanken nicht von der Liebesnacht, die Christine in Florenz erleben wird, lösen. Diese Frau schien ihm jetzt schöner und begehrenswerter als je zuvor. Er ging zum Telefon und rief Ermanno an. Klar stimmte er zu, ihm das Auto für einen nächtlichen Ausflug nach Florenz zu leihen. “Aber mach keinen Blödsinn”, hatte er ihn noch gewarnt.” Jacob versprach es und fuhr los. Er kannte sich in Florenz ziemlich gut aus. Mit Ermanno war er manchmal hier gewesen, wenn der die echten Florentiner Goldrahmen eingekauft hatte, die in den kleinen Werkstätten an der Piazza Pitti hergestellt wurden. Dort bekam man auch die besten Florentiner Steaks, so fein und gaumenzart wie nirgends sonst in der Stadt. An der Arnobrücke fand er einen Parkplatz, was um diese Zeit selten war. Viele Bars, die er kannte, hatten bereits geschlossen. Nur bei den Goldschmieden gab es noch eine mit angenehmer Atmosphäre, in die er sich verzog. Dann zog er weiter, ging am Dom vorbei und gelangte zu der Kirche mit den Grabmahlen der Medicis. Hinter jener Kirche, unweit der Markthallen, gab es ein kleines Restaurant, aus dessen Fenster schummriges Kerzenlicht schien. Jacob bewegte sich auf dieses Lokal zu. Er wollte hier noch eine Kleinigkeit essen. Aber kurz bevor er eintreten wollte, stockte ihm der Atem. In einer Niesche saßen sich Christine und Scheid gegenüber. Vor ihnen ein noch nicht abgeräumter Tisch, die Flasche Wein war auch erst zur Hälfte ausgetrunken. Rasch wandte er sich um und ging Richtung Dom zurück. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. In rascher Folge trank er in einer Bar hinter den Uffizien drei Grappe hintereinander. Zurückfahren konnte er nun nicht mehr und wollte es auch nicht. Eine grell geschminkte Frau setzte sich mit affektierter Geste neben ihn und wollte von ihm eingeladen werden. Jacob spendierte ihr einen Cocktail, aber die Frau interessierte ihn nicht. Die Frau erzählte von ihrer Heimat in den Sabiner Bergen. Aber er dachte nur an Christine und an das, was Scheid wohl jetzt mit ihr machte. Als sie das dritte Glas bestellte, verlangte Jacob die Rechnung, eine beträchtliche Summe und er war froh, dass er noch soviel Bargeld bei sich hatte, denn seine Kreditkarte war bereits vor einem Monat gesperrt worden. Auf der Ponte Vecchio blieb er stehen und schaute in den dunklen Fluss. Mittlerweile war es weit nach eins. Die Stadt schien menschenleer. Sinnlos flimmerte die Weihnachtsbeleuchtung aus dunklen Fenstern. Eine bleierne Müdigkeit kam über ihn. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Er ging zu seinem Parkplatz zurück und wollte im Auto übernachten. Aber in dem engen Wagen konnte er nur schwer ein Auge zutun. Zwei Stunden lang versuchte er eine Stellung herauszufinden, die es ihm möglich machte, wenigstens eine Illusion von Schlaf zu verspüren. Dann gab er auf und entschloss sich, doch noch nach Greve zu fahren. Auf der stark verschneiten Straße rutschte der leichte Wagen ein paar Mal, aber er hatte Glück und kam nach zwei Stunden Irrfahrt morgens um sechs in der Via Vespucci an. Er legte sich sofort ins Bett, bemüht, keinen Lärm zu machen und Gesa und Ermanno nicht zu wecken. Gegen zehn Uhr wachte er auf. Er kam an den Frühstückstisch, der nur noch für ihn gedeckt war und trank vier Tassen Kaffee, die ihm Ermanno auf der neuen Kaffeemaschine bereitete. Hunger hatte er keinen, trotzdem zwang er sich zu essen. Er hatte furchtbare Kopfschmerzen.